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weitere Infos unter:
http://www.silvretta-ferwall-marsch.at
Bericht von Anton Lautner über den
Silvretta-Ferwall Gebirgsmarathon
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zu Testberichten anderer
Veranstaltungen ][
][Anton Lautner][
Summers Bye...
30. Auflage bei kalten Temperaturen und Schneesturm auf dem Muttenjoch
Die Anreise gestaltet sich problemlos nach Galtür in Tirol über
München, Garmisch, Fernpass, Imst, Landeck, Pians und dann auf der
Silvrettabundesstrasse B188 an Kappl und Ischgl vorbei nach Galtür.
Der Ort hat rund 750 Einwohner und ist die letzte und höchst bewohnte
Siedlung des Paznauntales, das sich von Landeck her zur Bielerhöhe
hinaufzieht. 74 Dreitausenden sollen im Gemeindegebiet zu sehen sein.
Der Name Galtür kommt vom romanischen cultur(a), was Rodung oder
Kultivierung bedeutet. Erstmalig erwähnt wurde Galtür bereits
1146. In der Geschichte wurde der Ort geprägt von den Engadinern
aus dem Süden, von den Walsern und Vorarlbergern aus dem Westen und
den Tirolern aus den Süden. Um 1621 wurde Galtür von den Engadinern
eingeäschert, wobei nur die gotische Madonna unversehrt blieb.
Sehenswert ist die Pfarrkirche Maria Geburt mit ihrem spitzen Turm. Sie
wurde 1359 erbaut und nach dem Brand 1624 wiederhergestellt. Auf dem Hochaltar
wird die gotische Muttergottes mit Kind als Gnadenbild verehrt. In Tschaffein
kann die kunstgeschichtlich interessante Martinskapelle im Jahr 1678 im
gotischen Stil mit Renaissanceelementen besichtigt werden.
Doch jetzt muss Information zum Lauf sein. Die Ausschreibung (www.silvretta-ferwall-marsch.at
, Unterkünfte sowie weitere nützliche Informationen (www.galtuer.at
sind problemlos über das Internet zu bekommen. Die Unterlagen schickt
der Tourismusverband (Tel. 0049/5443/8521) auch per Post an den Interessenten
zu. Das Suchen eines Zimmers gestaltet sich ohne Schwierigkeiten. Termin
dieser Veranstaltung ist immer der letzte Augustsonntag.
Die Veranstaltungsbroschüre weist drei Strecken über 18, 28
und 42,3 km aus, die marschierend zurückgelegt werden können.
Die Königsdistenz - hier heißt sie allerdings die Königinstrecke
- kann auch als Lauf mit Zeitnahme absolviert werden. Die Wertung zum
österreichischen Berglaufcup dürfte dafür sorgen, daß
sogenannte "Flachlandtiroler" wie unsereins sich in der Minderheit
befinden.
Am Samstag zuvor ist von 17.00 bis 19.00 Uhr noch die Anmeldung am Dorfplatz
möglich. Das Startgeld befindet sich nicht im Gipfelbereich, sondern
ist mit 15 EURO in unterster Tallage. Eine Nudelparty oder ähnliches
ist tags zuvor nicht geplant, da kann jeder nach seinem Gusto in einem
der zahlreichen Gasthöfe, Hotels und dergleichen seinen Langstrecklerbedarf
decken.
Sonntag - der Wettkampf: Bereits der Blick beim ersten Morgengrauen auf
die umliegenden, rund 2700 Meter hohen Gipfel zeigt die ganze Bescherung.
Nicht nur die Bergspitzen sind angezuckert, sondern das Weiß zieht
sich ganz schön weit Richtung Tal. Und die ganze Nacht hat es in
Strömen geschüttet. Bei der Anmeldung gegen 06.00 Uhr frage
ich den Veranstalter, ob wir übers Muttenjoch gehen. Man weicht der
Frage aus und erklärt, dass es noch nicht sicher ist. Wir erhalten
die Startnummer und eine Startkarte, die in eine Plastikhülle gesteckt
wird. Na ja, dann bereiten wir uns mal für den Wettkampf für
die Originalstrecke oder für die Ersatzstrecke vor, die ins Jamtal
vorgesehen ist. Zwei Schichten für den Oberkörper, eine Radler
und eine lange Laufhose, dazu Handschuhe und Mütze müssen bei
den Temperaturen um 6 Grad Celsius in Galtür sein. Und die Ausrüstung
ist auch bitter nötig.
Ab halb sieben lungere (oberbayerisch: herumtreiben) ich dann wieder am
Dorfplatz herum, vielleicht gibts neue Erkenntnisse. Nein, der Verlauf
der Strecke wurde noch nicht bekanntgegeben. Dafür werden wir in
Startlisten eingetragen und die Startkarte wird gezwickt. Ich treffe noch
den Schwaben Franz Steichele aus Pfaffenhofen an der Zusam und den Franken
Jens Giesang, den ich beim Montafon-Arlberg-Marathon kennengelernt habe.
Dann jedoch kurz vor sieben Uhr kommt die Ansprache des Veranstalters:
Wir laufen über das Muttenjoch. Da oben hats zum Schneien aufgehört.
Da merke ich, da es hier ebenfalls nur mehr leicht nieselt. Der Veranstalter
mahnt zu verhaltenem Beginn und zur Vorsicht im Bereich des Jochs. Vorderladerschützen
aus dem Schwarzwald, die waren bei meinem letzten Start hier vor vier
Jahren schon mal da, markieren mit ihrem Schießgeräten den
Start und hauen uns kurz nach sieben Uhr raus auf die Strecke. 135 Bergläufer
gehen das Abenteuer an. Vom Dorfplatz einen Nebenweg, dann am Sportplatz
vorbei über die Trisanna hinweg und schon haben wir Galtür (1584
m) verlassen.
Leicht ansteigend, zu Beginn noch geteerter Wanderweg, führt die
Strecke zum Ortsteil Wirl (1650 m). Nach etwa zwei Kilometer verlassen
wir die Trisannna und laufen im Tal des Zeinisbaches mitunter steil ansteigend
zum Zeinisjoch (1842 m) auf asphaltierten Weg. Ein Fotograf schießt
uns mit seinem Arbeitsgerät entgegen. Hoffentlich hat er bei der
Kälte nicht alles verwackelt. Es wird wieder flacher, linkerhand
ist der Kops-Stausee zu sehen. Dann am Zeinis Gasthof (1822 m) die erste
Labestation, wie es hier heißt. Ein Becher Iso-Getränk und
weiter gehts. Die 18-km-Strecke zweigt links ab. Es fängt wieder
mehr zu regnen an. Mist!
Wir verlassen den befestigten Weg und in Kehren geht es auf einem Pfad
steil bergan. Aber nicht lange, dann wirds wieder ebener und es geht auf
einem befestigten Weg entlang des Verbellabaches zur Verbella Alpe (1938
m). Ein paar Kühe schauen uns lethargisch zu, während zwei Pferde
wiehern und sich die Mähne schütteln. Mittlerweile ist der Regen
mit Schnee vermischt. Gleiches Spiel wie vorher wieder. Zunächst
auf einem Steilstück bergan, hier gehen die meisten Läufer und
sind doch noch schneller als die mit einem Rucksack bepackten Wanderer.
Dann wieder flacher auf einem Fahrweg neben dem Verbellabach. Es hört
auf zu regnen, dafür schneits jetzt. Das wird noch lustig werden.
Bei meinem letzten Start in Galtür haben wir hier mehrmals das Pfeifen
der Murmeltiere gehört, doch heute halten auch sie sich an den Ratschlag
vom österreichischen Rundfunk. Man soll wegen des grauslichen Wetters
nicht aus dem Haus gehen, noch besser, gleich im Bett liegen bleiben.
Das machen wohl die Murmeln auch, denn der nächste Winterschlaf kommt
bestimmt.
Dann ist die Neue Heilbronner Hütte (2320 m) auf einer Anhöhe
zu erkennen. Ein paar steile Serpentinen absolviert und Getränke
warten auf die durstigen Läufer. Im Norden sehen wir die Scheidseen
(hier verläuft die Wasserscheide Nordsee - Schwarzes Meer). Der Weg
wird zunehmend steiniger, was wir wegen der Schneeauflage nur erahnen
können, und steigt wieder an. Mitunter läuft man über Steinplatten
hinweg, da wollen die Schritte gut überlegt sein. Einmal rutsche
ich aus und lasse ein nicht druckreifes Wort von mir. Sofort kommt ein
³Ist alles in Ordnung? von einem Mitläufer von hinten, worauf
ich ein ³Passt schon loslasse. In einer Höhe von etwa 2500
m laufen wir östlich des Jöchligrates in das Ochsental hinein.
Ein kurzes Wegstück ist schneeglatt und hängt Richtung Tal.
Aufpassen, ausgerutscht ist gleich. Ein Bergwachtler kommt entgegen und
räumt mit einem Fuß den glatten Schnee beiseite. Konzentration
ist jetzt gefragt, denn es geht auf schmalen Pfad hinab zum Ochsental-Bach
(2357 m). Bei meiner ersten Teilnahme hatte dieser soviel Wasser, daß
es zum Einfassen reichte. Heute dagegen komme ich ohne Probleme auf das
jenseitige Ufer.
Doch nun wirds interessant: Zuerst leicht ansteigend, wo man noch wenige
Meter laufen kann, dann auf Serpentinen zunehmend steiler. Die 263 Meter
Höhenunterschied zum Muttenjoch wollen erklommen werden. Laufen ist
hier unmöglich, selbst beim Gehen stellt sich leichte Luftknappheit
ein. Wer das hier noch belaufen kann, der soll sich bei mir melden. Ich
geb dann eine Dose Flying Horse aus ;-)
Der Wind wird immer stärker. Während es am Anfang noch im Ohrwaschel
kitzelt, wenn einzelne Schneeflocken sich im Gehörgang verirren,
mit der Zeit wird es im linken Ohr schmerzhaft. Ein namenloser See ist
später rechts zu sehen. Mitunter glaube ich, dass es zur Schneeblindheit
nicht mehr weit ist, denn es ist alles unheimlich weiss. Auch ist es immer
nicht einfach zu erkennen, wo die Vorderleute gelaufen, nein, hochmarschiert
sind. Auch erste leichte Schneeverwehungen bilden sich.
Dann kurz nach einer die Sicht versperrenden Anhöhe stehen wir auf
dem 2620 Meter hohem Muttenjoch. Mir stellt sich die Frage, wie der Veranstalter
die Getränke und die Verpflegung hier heraufgeschafft hat. Wenn wir
jetzt freie Sicht hätten, dann könnten im Süden und im
Osten die Dreitausender der Silvretta- und Samnaungruppe zu sehen sein.
Ich lasse einem Bergwachtler ein Foto von mir machen, denn so viel Zeit
muß sein. Eine aufgebaute Plane gibt nur wenig Windschutz für
die Verpflegung und die Helfer. Orangen, Zitronen, Waffeln und Tee wird
gereicht. Aufgrund des Windes und der Kälte von schätzungsweise
minus zwei Grad spüre ich meine Finger fast nicht mehr. Ich muss
von der Höhe hinunter. Von diesem "High-Light" führt
auf gefährlichem und rutschigen Abstieg uns der sogenannte Friedrichshafener
Weg hinab. Stellenweise müssen wir Vorsicht walten lassen, damit
Stürze vermieden werden können. Nach einem Abstieg von ca. 300
Höhenmetern kommen wir auf einen befestigten Weg, wo wir Tempo machen
können. Der Schnee liegt mittlerweile hinter uns. Der Niederschlag
lässt wieder nach. Nach einem Kilometer biegt die Strecke links ab.
Bergwegcharakter folgt. Wieder Konzentration fordert das folgende Stück
Weg.
Das nächste Getränk fassen dann wir auf der Friedrichshafener
Hütte (2138 m). Hier sagt ein Helfer, dass der erste Athlet schon
nach zwei Stunden da war. Ist das überhaupt möglich, frage ich
mich insgeheim. Oder hat der Schnellste abgekürzt? Doch das ist wohl
unmöglich. Von der Hütte führt ein befestigter Weg mit
Serpentinen in das Tal der Trisanna. Doch für die Läufer sind
Abkürzungen vorgesehen, denn wir bleiben wieder auf einem Pfad, gespickt
mit Wurzeln und Steinen. Also Vorsicht, sonst brauchts die Backenbremse!
Kurz vor dem Paznauner Hof ist das gefährliche Stück auch geschafft.
Hier im Ortsteil Tschaffein (1530 m) zweigt die 28-km-Strecke ab und führt
ins 2 Kilometer entfernte Ziel. Aber nicht für uns. Die Bundesstraße
wird überquert, nach der Labestation eine Naturtreppe an die Trisanna
heran und auf einer Brücke über das Wasser hinweg.
Damits nicht langweilig wird, gesellt sich zu unserer Strecke ein Trimm-Dich-Parcours.
Es geht in die Ausläufer des Silvretta mit wieder ansteigender Tendenz.
Zwar in moderater Weise, aber nach 30 Kilometer ist das eine happige Angelegenheit
- der Wadlbeißer läßt grüßen. Eine Forststraße
führt ins Lareintal und kann ich diese noch trotz der zunehmenden
Steigung mit fast 350 Höhenmetern belaufen. Die letzten 500 Meter
am Lareinbach trampelt ein Pfad durch Almweiden zur Lareinalpe (1860 m)
- und wir darauf! Doch Vorsicht wegen Tretminen (von den Kühen).
Getränkestelle - es wird zugegriffen. Da lasse ich doch wieder meinen
Wunsch los, ob es für einen Bayern ein Freibier gibt. Zuerst werde
ich nicht verstanden, aber der Senn der Lareinalpe sagt, von seinen Wein
kann ich haben. Einen Schluck genehmige ich mir auch, das ist mal ein
anderer Geschmack als immer nur Tee und Iso.
Es geht wieder talauswärts. Zuerst auf befestigten Weg, dann wieder
Pfadcharakter auf dem Galtürer Höhenweg. Zwar ist die Tendenz
fallend, doch immer wieder kleinere Anstiege fordern Tribut. Es geht ein
kleines Stück ins Jamtal. Dann versperren wieder Kühe den Weg.
Also ausholen, denn das Rindvieh auf der Weide ist der Chef hier. Wendepunkt
ist dann die Eggalm (1635 m). Letzte flüssige Jause und Kontrolle,
das Ziel ist nah! Da mir ein Verfolger im Sichtabstand im Genick sitzt,
verzichte ich auf die Getränke und starte nach dem Abzwicken der
Karte durch. Über den Jambach, noch eine kleine Steigung und es geht
nach Galtür hinein. Der Verfolger ist nicht mehr zu sehen. Zweimal
scharf rechts herum, nochmals 50 Meter bergan, nach einer Linkskurve über
eine Almwiese und das Ziel am Sportzentrum ist erreicht. Die Uhr zeigt
4.46.52 Stunden. Damit bin ich hochzufrieden, da ich aufgrund der schwierigen
Verhältnisse bereits mit fünf Stunden kalkuliert habe. Das reicht
für Gesamtplatz 53 und in der Klasse M40 zum 27. Rang. Nach ein,
zwei Minuten erscheint auch der Verfolger und sagt, dass er noch zwei
Mal gestürzt ist.
In angrenzenden Hallenbad finden sich gute Erholungsmöglichkeiten.
Die Benützung ist für die Teilnehmer gratis. Für Musikunterhaltung
hat der Veranstalter gesorgt und verkürzt damit die Zeit bis zur
Siegerehrung. Als Auszeichnung erhalten die Läufer das goldene Leistungsabzeichnung,
eine schön gestaltete Medaille. Da es die 30. Veranstaltung ist und
auch mit den Bergbahnen ein Sponsor gefunden wurde, bekommen alle Teilnehmer
ein schön gestaltetes Leiberl, wie der Österreicher zum T-Shirt
sagt.
Gespannt bin ich auf die Siegerehrung um 15.00 Uhr, denn während
des Laufes habe ich mich gefragt, wie der erste den Weg im Bereich des
verschneiten Muttenjoches gefunden hat. Aber dann ist es klar, denn es
siegte wie im Vorjahr Helmut Schiessl (TSV Buchenberg) in 3.08.15 Stunden.
Letztes Jahr blieb er mit einem Mitstreiter noch knapp unter drei Stunden.
Auf den nächsten Plätzen sind Felix Schenk (Wigoltinger; 3.22.26)
und Herbert Garstenauer (SIG Eisenwurzen; 3.23.21). Anni Frotschnig (LAC
Salzburg) schaffte als schnellste Läuferin die Tor-T(o)ur in 4.06.56
Stunden vor Gertrud Härer (o. V.; 4.31.16) und Andrea Braune (o.
V.; 4.39.15). Das ausgelobte Preisgeld von 500, 300, und 200 EURO für
die jeweiligen ersten Drei haben die sich wahrlich hart verdient. Übrigens
das geschossene Bild vom Fotograf zu Beginn des Rennens ist nicht verwackelt
und stellt eine schöne Erinnerung für die Teilnehmer dar. Mit
5 EURO ist das große Bild recht günstig zu erwerben. Als Sollzeit
ist für die Läufer 6 Stunden 50 Minuten festgelegt. Immerhin
15 Athleten sind nicht ins Ziel gekommen. Die sind entweder im Bett liegengeblieben
(wie die Murmeltiere) oder haben vor dem Schnee kapituliert.
Fazit: Der Silvretta-Ferwall-Marathon ist ein überaus schöner
und anspruchsvoller Lauf im familiären Ambiente. Vergessen darf jedoch
nicht werden, dass der Kurs bis in hochalpine Regionen führt und
dass dies in der Renngestaltung berücksichtigt werden muss. Wenn
Zuschauer an der Strecke standen, dann wurden wir auch angefeuert. Man
ist aber immer wieder lange alleine unterwegs, dafür hilft man sich
gegenseitig bei Krisen, Stürzen und gefährlichen Stellen. Und
bei der 31. Auflage am 29.08.2004 herrscht bestimmt wieder heiteres Wetter
und wir sehen vielleicht einige der unzähligen Dreitausender, wenn
wir durchs Ferwall und Silvretta laufen.
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